Soziale Gerechtigkeit in der EU

Im Auftrag der Bertelsmannstiftung wurde soeben ein Bericht zur Sozialen Gerechtigkeit in der EU vorgelegt. Die wesentlichen Erkenntnisse: Die Teilhabechancen der Menschen haben sich in den meisten Ländern verbessert, liegen aber noch unter dem Vorkrisenniveau. Armut und Ausgrenzung sind noch immer auf einem besorgniserregenden Niveau und Kinder und Jugendliche sind hiervon besonders betroffen. Im Ländervergleich liegt Deutschland beim Gesamtindex „Soziale Gerechtigkeit“ auf Platz 7 von 28 Mitgliedsstaaten. Platz 1 wird von Schweden besetzt und am unteren Ende befindet sich Griechenland. Die Autor_innen der Studie empfehlen einen multidimensionalen Ansatz für die Sicherstellung von mehr Teilhabegerechtigkeit und sprechen konkrete Empfehlungen aus.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Armut und soziale Ausgrenzung in Deutschland weiterhin auf hohem Niveau

Wie das Statistische Bundesamt heute in einer ausführlichen Pressemitteilung aufzeigt, waren 2015 20 % der Bevölkerung in Deutschland von Armut und Ausgrenzung bedroht bzw. betroffen (2014: 20,6 %). Im EU-Vergleich (23,7 %) ist der Anteil in Deutschand damit etwas geringer. Als „von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht“ wird in der Erhebung „Leben in Europa (EU-Silc)“ bezeichnet, wer sich mindestens in einer der nachfolgenden Lebenssituationen  befindet: die Person ist von Einkommensarmut bedroht, ihr Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen oder sie lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. Weitere Differenzierungen, bspw. nach Geschlecht und Alter, werden in der Pressemitteilung dargestellt.

Link zur Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts

Arme sind verschuldet – Reiche sparen

Eine aktuelle Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung macht deutlich, dass sich soziale Ungleichheit nicht nur in der Verteilung von Einkommen zeigt, sondern auch in der Chance Geld  beiseite zu legen, d. h. zu sparen. In ihrer Untersuchung mithilfe von Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) aus dem Jahr 2013 fanden sie heraus, dass die einkommensstärksten 10 % der Bevölkerung rund 60 % des gesamten Sparvermögens ihr eigen nannte. Die untere Hälfte konnte nicht nur nichts sparen, sondern war mit durchschnittlich 300 Euro überschuldet. Einen weiteren Zusammenhang konnten sie zwischen der Gesundheit und dem Sparvermögen identifizieren.

Link zur Studie

Link zur Pressemitteilung

 

Verfestigung von Armut und Reichtum in Deutschland

Wie der diesjährige Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt, nimmt die sogenannte soziale Mobilität ab, d. h.: „Armut und Reichtum werden immer dauerhafter“. Vor allem in Ostdeutschland sei die Durchlässigkeit zwischen den Einkommensklassen seit der Wiedervereinigung stark rückläufig.  Immer mehr Menschen würden so dauerhaft an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Das WSI fordert u. a. eine stärkere Umverteilung über Steuern und die Verringerung von Langzeitarbeitslosigkeit sowie den Abbau von Ungleichheiten im Bildungssystem.

Dax-Vorstände verdienen 57mal so viel wie ihre Angestellten

Eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) ergab, dass die Dax-Vorstände im Durchschnitt 57mal so viel verdienen wie ihre Angestellten. 141mal so viel verdienen die Vorstände bei VW, dem negativen Spitzenreiter, der geringste Wert liegt beim 17-Fachen. Die Stiftung verweist darauf, dass es in den USA ab 2017 eine Pflicht gibt, diese Einkommensdifferenzen zu veröffentlichen. Dies könnte/sollte auch in den Vorstandsvergütungsbericht  in Deutschland aufgenommen werden, denn „[d]as würde garantieren, dass sich der Aufsichtsrat mit der Thematik beschäftigt und eine Bewertung vornimmt“ (HBS).

 

Kinderarmut steigt – trotz guter Wirtschaftslage

In einer neuen Studie im Auftrag der Bertelsmannstiftung zum Thema Kinderarmut wurde festgestellt, dass 2015 14,7 % der Kinder in Deutschland in Hartz-IV-Familien lebten. Dies ist ein Anstieg um 0,4 % seit 2011. Weiterhin sind vor allem Kinder Alleinerziehender sowie Kinder in Familien mit zwei und mehr Geschwistern überproportial betroffen. Besonders dramatisch ist, dass Armut für diese Kinder oft zum Dauerstand wird: 57 % von ihnen bezogen drei Jahre und länger staatliche Unterstützung nach dem SGB II. Regionale Unterschiede bestehen, so stieg die SGB-II-Quote im Westen leicht, im Osten sank sie.

Link zum Factsheet (8 Seiten)

Datenreport 2016 mit Schwerpunkt Migration

Das Statistische Bundesamt und das Wissenschaftszentrum Berlin haben im Mai den Datenreport 2016 vorgestellt. Interessant im Kontext von Armut sind vor allem die Kapitel 6 und 7 zu den Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte sowie zur sozialen Mobilität. Aber auch in den anderen Kapiteln finden sich Hinweise auf Armuts- und Ungleichheitsfaktoren, wie bspw. in den Lebenslagenbereichen Wohnen und Gesundheit. Schwerpunkt des Reports ist dieses Mal Migration.

Link zum Datenreport 2016

DPW prangert Folgen sozialer Ungleichheit an

In seinem Jahresgutachten zur sozialen Lage in Deutschland prangert der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPW) die Folgen sozialer Ungleichheit in Deutschland an. Trotz positiver Arbeitsmarktbilanz wachse die soziale Ungleichheit. Dies führe u. a. zum Erfolg rechtspopulistischer Strömungen. Die Forderung: Gleiche Teilhabechancen ermöglichen,  u. a. im Rahmen einer bedürfnisorientierten Beschäftigungspolitik, durch die Erhöhung der Regelsätze nach SGB II und XII sowie die schnellstmögliche Integration von Flüchtlingen.

Link zum Jahresgutachten des DPW

Die Mittelschicht schrumpft in Deutschland wie in den USA weiter

Nach einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) schrumpft die Mittelschicht in Deutschland wie in den USA seit Jahrzehnten. 2013 waren es in Deutschland nur noch 54 %, die der Mittelschicht nach ihrem Einkommen zugerechnet wurden (d. h. sie verdienten zwischen 67 und 200 % des durchschnittlichen Einkommens). Ursächlich sind lt. der Studie v. a. die Arbeitsmarktreformen Anfang der Nullerjahre durch das Anwachsen des Niedrigeinkommensbereiches. Maßnahmen dagegen wären lt. DIW u. a. eine offensivere  Lohnpolitik sowie Anreize für die Überführung von in der Regel schlecht entlohnten Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse.

DIW-Report Nr. 18/2016 mit den Ergebnissen der Studie

Armut im Alter steigt – mehr GrundsicherungsempfängerInnen im Alter

Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, ist die Zahl der GrundsicherungsempfängerInnen im Alter und bei Erwerbsminderung weiter gestiegen. So bezogen im Dezember 2015 rund 1 038 000 Personen ab 18 Jahren Leistungen der Grundsicherung, davon jedeR Zweite die Grundsicherung im Alter. Dies ist ein Anstieg um 3,5 % in einem Jahr und setzt den Trend seit 2009 fort. Zwar sind ältere Menschen zz. noch unterdurchschnittlich von Einkommensarmut betroffen, die steigende Zahl der GrundsicherungsempfängerInnen im Alter stützt jedoch die These vieler ArmutsforscherInnen, dass sich für die Zukunft eine Altersarmut in Deutschland abzeichnet.

Link zur Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom 19.4.16